Montag, 9. Februar 2009

ÜBER NACHT

Über Nacht ist es nicht mehr nur ein Haus. Nachdem am Freitag einer der renommiertesten deutschen Verlage auf langjähriges Werben Berlins hin bekannt gegeben hat, im kommenden Jahr in die Bundeshauptstadt zu ziehen, steht am nächsten Tag auch der Ort zur Disposition. Suhrkamp ziehe möglicherweise ins Nicolaihaus in der Berliner Brüderstraße 13 ein, so lauteten am vergangenen Samstag zahlreiche Meldungen in der Presse. Und so wünscht es der Berliner Staatssekretär André Schmitz, der von einem „traditionsreichen Standort,“ spricht, „wo einst der berühmte Aufklärer und Verleger Christoph Friedrich Nicolai, Lessing und Moses Mendelssohn aus und ein gingen“ (zit. nach Tagesspiegel vom 7. Februar 2009). Leider liegt Staatssekretär Schmitz nicht ganz richtig, denn Lessing und Mendelssohn waren bereits 1781 und 1786 verstorben, bevor der gemeinsame Freund Nicolai das Gebäude 1787 erwerben konnte. Mit seinem Engagement für das Nicolaihaus hat der Staatssekretär jedoch eine enorme Aufmerksamkeit auf das historische Gebäude gelenkt. Zu Recht, wie der Verfasser dieser Zeilen meint.

Einen Tag später, am gestrigen Sonntag, wird bereits mit verbalen Steingeschossen nach dem Nicolaihaus geworfen. Frank Schirrmacher schreibt in seinem Beitrag „Lady Lenin und der Wolf“ (Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 8. Februar 2009) von einer „Ruine“, von einem „verfallenen Nicolai-Palais“. Vermutlich liegt der Grund für diese harsche Ausdrucksweise in seinem Ärger über den Suhrkamp-Umzug. Weder ist von einer Ruine zu sprechen (womöglich verwechselt Schirrmacher die Adresse), noch ist die Bezeichnung Nicolai-Palais zulässig. Denn Nicolai war ein überzeugter Bürger, demzufolge sich dieses Bewusstsein auch in der bürgerlichen Architektur des durch Zelter umgebauten Gebäudes widerspiegeln sollte. – Offensichtlich besteht Bedarf an Aufklärung über das Nicolaihaus.

Künftig soll an dieser Stelle das nähere Schicksal des Nicolaihauses verfolgt werden, es soll an seine Geschichte erinnert und für eine stärkere Wahrnehmung geworben werden. Ob sich nun der Suhrkamp-Verlag für das Nicolaihaus entscheidet oder nicht.

1 Kommentar:

  1. Die Frankfurter sollten sich nichtin der FAZ echauffieren wie Kugelfische mit Drohbebärde aufblähen.Sie brauchen keine Angst zu haben. Sie haben noch genug Verlage, ihren Goethe und die Buchmesse. Hamburg seinen "Spiegel" Warum das Nicolaihaus nicht den Suhrkamp-Verlag? Die Brüderstraße war viele Jahrzehnte ein "terra incognita", ein grenz - und geistiges Brachland. Eine Reanimation wäre großartig. In Berlin kann Suhrkamp auch ein primus inter pares werden, wenn es sich in die Dissenter-Trutzburg der Aufklärung begibt und den Sekulationsblasen-Geldtürmen mit ihren Luftbuchungen und Leergeschäften den Rücken zukehrt. In Berlin regierte einst der common sense in Nicolais Umfeld und es steht zu erwarten, dass er es wieder tut. Dem Suhkamp Verlag alle guten Wünsche hierzu. - Bie. 27.2.2009

    AntwortenLöschen